Simon & Jan – Ach Mensch

 

24.10.2015 – Alte Seminarturnhalle Nagold

 

Heute steht Musik auf dem Programm. Schlaue Musik, gute Musik, Musik die ins Ohr geht und da bleibt.

Aber ich greife meinem Fazit vor, dass ja bekanntlich erst am Ende dieses Berichts folgen wird.

Wobei – heute ist es ein wenig anders, da ich die einzelnen Lieder direkt bewerten werde, wenn sie im Programm drankommen.

Also sozusagen ein Fazit in Episoden.

Aber zurück in die Vergangenheit….

An dieser Stelle stellen sie sich bitte ein waberndes Bild und Rückblenden.Harfenmusik vor.

 

Also ich eintreffe, sind Simon & Jan gerade beim Soundcheck.

Dann gemütlich essen und das Interview mit mir machen.

Passt genau.

Danach sind es noch 10 Minuten bis zum Konzert.

Um 20 Uhr beginnt es.

Die Beiden betreten die Bühne und fangen direkt mit dem ersten Lied an: “ Karnikelkotzen “

In diesem Lied geht es um die fortschreitende Abhängigkeit der Menschen von Bildschirmen.

Der Laptop wird wichtiger als das eigene Kind, man hat tausende Facebookfreunde, aber sitzt alleine zu Hause und schaut Karnikeln auf You Tube beim kotzen zu.

Von diesem Refrain Lied habe ich noch tagelang danach  einen Ohrwurm im Kopf.

Direkt bei diesem ersten Lied, zeigt sich, was ich bei Simon & Jan so gerne mag. Kluge Texte mit Botschaft, verpackt in einem tollen Lied.

So etwas merkt man sich.

Das Publikum ist direkt dabei.

Nach diesem Auftakt, begrüßt Jan die Zuschauer und fragt: “ Wer hat uns schon mal gesehen ?“

Viele Hände gehen hoch.

„Also live.Nicht bei You Tube !“

Deutlich weniger Hände.

 

„Sind Lehrer anwesend ?“

Keine Hände gehen hoch.

„Keine Lehrer und auch keine Denunzianten da….Mist, darauf haben wir den Abend aufgebaut.“

 

Es folgt das zweite Lied: “ Verwählt “

Es handelt von der Schwierigkeit Entscheidungen zu fällen und davon immer die falschen Entscheidungen zu treffen.

Jan greift unter seinen Stuhl. zieht eine Burgermütze hervor und zieht sie sich auf den Kopf.

Das Publikum lacht.

Jan: “ Euch bekommt man aber leicht.“

“ Hallo. Ich bin Moritz Bleibtreu. Ich bin der Cheeseburger für 1 Euro. Dafür stehe ich mit meinem Namen.“

Das nächste Lied ist eines meiner Favoriten: “ Geld “

Es geht darum, wie sich die ganzen jungen, hoffnungsvollen Schauspieler an MC Donalds zu Werbung verkauft haben.

Es ist deutlich schneller als die Version bei You Tube.

Mir gefällt es langsam besser. Trotzdem ein gutes Lied.

Danach werden die Gitarren neu gestimmt.

“ Wenn die Stimmung so kurz vor dem Siedepunkt ist, fangen wir an ausgiebig Gitarren zu stimmen.“

 

Das nächste Lied “ Bleib bei deinen Leisten „, dreht sich darum, was uns erspart geblieben wäre, wenn manche Prominente, heute noch immer das machen würden, was sie einmal gelernt haben.

“ Katzenberger ist ein blödes Beispiel “

Bei diesem Lied nehmen sie sich auch selbst aufs  Korn. Beide haben auf Lehramt studiert und dann ist das mit Simon & Jan passiert.

Bei manchen der erwähnten Personen, denkt man: “ Ach ja – das wäre schön gewesen…“

 

“ Wolfgang“ passt ganz gut zu einem Titelbild, welches letztens den Spiegel zierte und bei dem es darum geht wie Eltern ihre Kinder zu Genies erziehen wollen.

Immer höher weiter und besser, egal ob es dem Kind gut tut.

Auch hier herausragende musikalische Leistung und Text.

 

Das kurze Lied “ Stimmungsschwankungen “ finde ich extrem gelungen. Es wird mit der Erwartung des Hörers gespielt.

 

“ Was soll das ? 2 Leute und 4 Mikrofone ? – Na mann muss doch sehen, dass es läuft !“

“ Die Welt dreht sich “

Bei diesem Lied bekomme ich jedesmal Gänsehaut.

Es handelt davon, wie wichtig und Nichtigkeiten geworden sind und wie unwichtig sie werden, wenn man das große Ganze sieht.

Ich glaube viele Menschen blicken danach anders auf ihren Alltag.

„Kassettenrecorder“ von Rainald Grebe ist ein sehr schönes ruhiges Lied über Wissen und Unwissen.

Sehr gut gesungen von Simon und Jan.

Zum Abschluss von Teil eins noch ein Werbesong.

Simon spielt ein Gitarrensolo über Kopf.

Das Publikum klatscht zum Abschluss im Takt mit.

Danach ist Pause in der CD´s verkauft und Autogramme geschrieben werden.

 

Der zweite Teil beginnt mit einem Lied über “ Meine Mama “

Kurz gesagt: Wenn einem alles gefällt kann es sein, dass die Mama daran Schuld ist.

Sehr geiles Lied, das vor allem die Sichtweise auf Avocadosteine ändert.

Danach folgt das Lied “ Dichter “

Ein sanftes Lied für zwischendurch das sich um die Dichtkunst dreht.

Mir fällt auf, dass Jan im zweiten Teil eine lustige Frisur hat.

Außerdem erinnert er mich von seiner Art zu sprechen an Hans-Hermann Thielke, den Comedian von der Post.

Die Nebelmaschine kämpft gegen Windmühlen und schafft es nicht die Bühne in Nebel zu hüllen.

Bei “ Apokalypse “ kommt der Höhepunkt der Bühnenperformance.

Ein Schunkellied.

“ Hab ich dir doch gesagt – damit kriegen wie sie.“

Ein auf den ersten Blick vom Inhalt her sehr wirres Lied.

Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb, passt es extrem gut.

Es erzeugt irgendwie Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit und Endzeitstimmung. Also passt der Titel ja.

 

„Genitalien auf Abwegen“ – Wieder eines dieser geilen kurzen Lieder.

Und eine gute Einleitung für das nächste Lied. Wer nicht schunkelt fliegt raus !

„Herzilein“ folgt.

Ein Lied, wie sollte es anders sein, über die wilde Welt der Volksmusik.

Ich finde das Lied gut. Wobei ich auch mal für die alten Menschen eine Hüfte brechen muss – erlaubt ist was Spaß macht.

Einer im Publikum ruft:“ Spiel doch mal was schönes – ACDC “

Jan: “ Soweit kommts noch “

„Titten und Ärsche“

Der nächste Sommerhit.

Der Sinn des Lebens auf das wesentliche herunter gebrochen.

Das Publikum singt den Refrain mit: “ Titten und Ärsche….“

Es kann so einfach sein..

Wieder einer ruft: “ ACDC “

Jan: “ Da hat auch so jeder einen Satz – Freaks.“

 

Es folgt das vorläufig letzte Lied: „Ach Mensch“

Ein geniales Lied über Religion und Glaube.

Jeder sollte sich dieses Lied einmal anhören und vielleicht manche Dinge an die er glaubt hinterfragen.

Sind manche Lehren noch zeitgemäß, oder nur Überbleibsel einer intoleranten und grausamen Epoche ?

Für ein bisschen Sinn, sind die Menschen bereit viel zu tun.

Wie es am Ende dieses Liedes treffend heißt: “ Bestimmt gibt ein bisschen Eden für jeden.“

Ich denke wenn die Menschen so weit sind, dass sie nicht versuchen anderen Menschen ihren Glauben aufzudrängen, andere Glauben als minderwertig abzustempeln oder zu bekehren, ist dieses bisschen Eden für jeden sehr nah.

Es ist doch im Prinzip ganz einfach: Die Freiheit des einzelnen hört da auf, wo sie die eines anderen verletzt.

Leider liegt es in der Natur des Menschen sich für besser zu halten als andere Menschen und Diese abzuwerten.

“ Bei diesem Lied, verlassen normalerweise immer ein paar Katholiken den Saal.“, erzählt mir Jan später.

Kann doch nicht sein, dass Gläubige so humorlos sind, denke ich und gehe an dem brennenden Scheiterhaufen vorbei.

 

Zugabe:

“ Für alle die den Sinn suchen – weitersuchen,“

“ Du bist….“ heißt das nächste Stück.

Was er ist, wird nicht verraten. Aber das Lied ist absolut passend.

Ruhig gespielt, sanft gesungen.

Simon macht noch ein Panoramafoto von den Zuschauern.

Dank an Licht und Ton in Nagold.

Leider trübt ein Störer die gute Laune ein wenig.

Jan geht souverän mit dem Störer um und bittet ihn sich wieder zu setzen.

„Lasst uns den Laden hier zerlegen. Wir wollen eine Schneise der Verwüstung hinterlassen und heute, hier damit anfangen “

Damit fängt “ Remmi Demmi “ an, ein Lied der Gruppe Deichkind.

Normalerweise soll das Publikum irgendwann Remmi Demmi machen und ordentlich mitgehen.

Krawall und Remmi Demmi fällt in Nagold nicht auf fruchtbaren Boden.

Klingt eher nach einem softem Chor.

Nagold ist einfach zu brav.

 

Zum Abschluss noch ihr neustes Lied: “ Hobby ohne Lobby “

Ein lustiges Lied über unkonventionelle Hobbys.

Ich habe sehr gelacht.

Um 22:10 Uhr ist dann Schluss. Die Zeit ist wie im Fluge vergangen.

 

Mein Fazit:

Ich habe die Songs ja bereits im Bericht behandelt.

Es wurden Alle Songs der CD, bis auf „Kabarettwettbewerb“ gespielt.

Außerdem kamen noch zwei Lieder von anderen Künstlern dran und zwei von der alten CD.

Also jede Menge Musik an diesem Abend.

Das Konzert war exzellent.

Ich liebe diese beiden Liedermacher, denn sie präsentieren sowohl lustige, als auch nachdenklich machende Lieder, die meistens eine Botschaft in sich tragen.

Man könnte es fast schon Musikkabarett nennen, aber es ist ja nicht politisch.

Wenn man Simon und Jan mit Rainald Grebe vergleicht, finde ich die Lieder der Beiden tiefsinniger und gehaltvoller. Die Lieder von Rainald Grebe, sind auch sehr gut, aber meines Erachtens nach deutlich leichter und mehr auf Comedy ausgerichtet.

Die Lieder von Simon und Jan regen eher zum nachdenken an und bleiben länger im Kopf.

Solche Texte von zwei so jungen Menschen zu hören, gibt mir ein Stück weit die Hoffnung zurück, dass wir nicht zu einem Land voller Schwachköpfe degenerieren.

Und da ich älter bin als die Beiden, kann ich wenn es gut läuft noch bis zu meinem Lebensende mich über neue Lieder von ihnen freuen.

 

Also eine klare Empfehlung für Konzerte von Simon und Jan,

Wenn sie ein religiöser Fundamentalist sind, sollten sie sich das allerdings noch einmal überlegen, oder die ihrer Religion angemessene Waffe zur Bekämpfung Ungläubiger und Blasphemie mitbringen. Zumindest wenn “ Ach Mensch “ gespielt wird.

Ich würde ihnen allerdings nahelegen, eher einen Teller mitzunehmen, über dessen Rand sie dann schauen können.

Jeder darf an das Glauben was ihn glücklich macht, solange er niemand anderem damit schadet.

Meine Meinung.

 

Hier die Seite von Simon und Jan: http://www.simonundjan.de/

 

Nachtrag:

 

Ich war am 4.11. nochmals bei Simon & Jan, als sie im Jubez in Karlsruhe aufgetreten sind.

Es war sehr interessant, das Konzert mal auf verschiedenen Bühnen zu sehen.

In Nagold war die Beleuchtung etwas pompöser, dafür in Karlsruhe heimeliger.

Das Publikum in Nagold war sehr konzentriert und hat die Texte genau verfolgt, das Publikum in Karlsruhe war euphorischer und hat mehr mitgemacht.

Am Ende waren beide Konzerte trotz identischen Inhaltes von der Präsentation her individuell.

Bester Indikator für die Qualität von Simon und Jan ist, dass man mehrmals auf das selbe Konzert gehen kann und es trotzdem immer wieder gut ist.

Also nutzt die Chance die Beiden zu sehen, wenn sie in eurer Nähe spielen.