Mundstuhl

Das Jubiläumsprogramm: Mütze-Glatze !

 

09.10.2015

Heute bin ich wieder in der alten Seminarturnhalle in Nagold zu Gast.

Mundstuhl feiern ihr 50 jähriges Jubiläum und das möchte ich mir natürlich nicht entgehen lassen.

Ich komme kurz vor 18 Uhr an, da mein Interview mit ihnen zwischen 18 und 19 Uhr terminiert wurde und erfahre, dass sie erst um 18:30 Uhr erwartet werden.

Diese zeitliche Differenz von ca. 40 Minuten, führt zum nun folgenden Prolog, welcher den schönen Titel: “ Die Brillenfrau “ trägt.

Keine Sorge – Mundstuhl kommt danach noch ausgiebig.

Prolog: Die Brillenfrau

Da ich noch etwas Zeit habe, bis die Jungs von Mundstuhl ankommen, beschließe ich noch ein wenig in die Stadt zu gehen, welche praktischer weise direkt um die alte Seminarturnhalle gebaut wurde.

Ich möchte mir die neusten Brillenmoden ansehen und zähle 5 Optiker in der Fußgängerzone.

Es scheint fast jeder Einwohner einen eigenen Optiker zu haben.

Ich schätze in Nagold haben die Menschen Angst, spontan ihre Sehkraft zu verlieren und halb blind umher zu wandern.

Daher stehen wohl auch überall in der Innenstadt, weiße Sofas herum, die groß genug sind, damit man sie auch ohne Brille noch sehen kann.

Vermutlich haben sie einen Notknopf eingebaut, den man bei plötzlichem Sehkraftverlust drücken kann, woraufhin dann beim nächstgelegenen Optiker eine rote Warnleute angeht, er sich seinen Not Brillenkoffer mit den gängigsten Sehstärken schnappt und zu der Person in Not sprintet.

Man kann nicht behaupten die Stadt Nagold würde sich nicht um ihre Bürger kümmern.

 

Weder der Brillenladen, den ich mir zum Ziel erkoren habe, noch die überaus attraktive Verkäuferin, welche eben Diesen mit Leben erfüllt, ahnen zu diesem Zeitpunkt, dass ich gleich, nach kompetenter Beratung gierend, die Tür öffnen und mit der Zuversicht, die nur ein Ortsfremder haben kann, in die heiligen Hallen der antiken Kassengestelle, welche Theo Lingen feuchte Augen beschert hätten, vordringen würde.

Meine Güte – Was für ein Satz.

Müssten Sätze atmen, dieser wäre ohnmächtig geworden.

Ich beneide die Person nicht, deren Aufgabe es sein wird, diesen Satz einer anderen Person vorzulesen.

Aber zurück zum Brillenladen.

Ich probiere verschiedenste Gestelle aus, wobei mich die Verkäuferin immer wieder feinfühlig auf meine helle Haut und die Flecken darauf hinweist.

Sie wird einmal einen Mann sehr glücklich machen…

Sie zeigt mir Brillengestelle, von denen ich eigentlich der Meinung war, dass die UN solche Farbkombinationen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft hätte.

Wir kommen überein, dass es nicht leicht ist, in Nagold Brillen zu verkaufen.

Zu konservative Kunden.

Sie rät mir nach Stuttgart zu gehen. Da gibt es einen Brillenladen, der schöne Brillen hat.

In diesem Moment empfinde ich eine tiefe Zuneigung und Respekt.

Eine Verkäuferin, die nicht versucht einem irgendeinen Schund anzudrehen, sondern offen zugibt, dass das Gewünschte bei ihr nicht zu haben ist und mich lieber zur Konkurrenz schickt, als einen unglücklichen Kunden zu haben. Hut ab. Das ist Kundenfreundlichkeit.

Ja – so ist Nagold.

Also gehen sie bitte morgen alle in dieses Brillengeschäft und kaufen sie alle Brillen die sie dort finden, egal ob sie eine brauchen oder nicht.

Diese Verkäuferin hat es verdient.

Ein brillenkaufender Flashmob – das wäre mal etwas anderes.

Da ich nach meinen Recherchen nicht annehme, dass Ihr der Laden gehört, sondern dass Sie nur dort arbeitet, werde ich nicht sagen um welchen Laden es sich handelt. Ich möchte nicht, dass sie Ärger bekommt, weil sie einem Kunden keine Brille aufgeschwatzt hat. Sie ist eine tolle Verkäuferin und ihr Chef sollte stolz auf sie sein. Ein guter Umgang mit einem Kunden bleibt immer im Gedächtnis und spricht sich herum.

Sollten sie aber bei ihrer Suche nach einer Brille in Nagold eine Verkäuferin finden, die ihre eigene Brille zu “ katzig “ findet, grüßen sie sie schön von mir, richten sie ihr aus, dass ich ihre Brille sehr süß finde und katzig mag, und kaufen sie eine Brille bei ihr.

Und sollte ihr Chef anwesend sein, erwähnen sie ruhig, dass sie noch nie so eine tolle Verkäuferin hatten und sie eigentlich eine Gehaltserhöhung verdient hätte.

Nun aber hurtig zu Mundstuhl. Nach der aufregenden Welt der Brillen, brauche ich dringend etwas Ruhe.

 

Mundstuhl

Kurz nach 18:30 Uhr bin ich wieder zurück in der alten Seminarturnhalle in Nagold.

Ich spreche kurz mit meinem Lieblings Zigarillo Raucher und warte dann darauf zu Goldlöckchen und Rasputin vorgelassen zu werden.

Im Nachhinein betrachtet, hätte ich statt meiner Fragen auch “ Dööööööö – Dööööööö “ auf meinen Block schreiben können.

Dies dürfte das anarchistischste Interview sein, welches ich bis jetzt geführt habe.

Trotzdem, oder vielleicht auch gerade deshalb, finde ich es toll.

Am Anfang versuche ich noch meine Fragen durch zu bekommen, aber irgendwann, ergebe ich mich einfach dem Blödsinn.

Ich finde es wird ein besonderes Interview.

Wenig Information, aber viel Spaß.

Und sind wir doch mal mal ehrlich – Information gibt es in unserer Welt genug.

Was fehlt ist der Spaß.

Aber urteilen sie selbst:

 

 

Nach diesem Interview, brauche ich erst einmal etwas Starkes.

Ich wanke an die Bar und bestelle mit tolldreist eine Cola.

Der Platz auf dem eigentlich die Reporterin des Schwarzwälder Boten sitzen sollte ist leer.

Ich mutmaße, dass sie vielleicht vom Wolf gefressen wurde.

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Die alte Seminarturnhalle ist gerappelt voll.

Auf der Bühne steht eine Leinwand, auf der das 50 jährige Mundstuhl Jubiläum angekündigt wird.

Der Zeiger meiner Armbanduhr nähert sich der vollen Stunde.

Um 20 Uhr soll es losgehen.

Kurz nach 20 Uhr, betreten Ande und Lars unter tosendem Applaus die Bühne, rücken sich die Stühle zurecht und stellen 2 Notenständer auf, auf denen Blätter deponiert werden.

 

Die fragenden Blicke der Zuschauer kommentieren die Beiden mit: “ Dies hier ist eine Vorpremiere in Nagold. Das heißt wir können es noch nicht ! Sozusagen eine bezahlte Probe.“

Wieso ist Superman besser als Batman ?

Wird neben dem ICE auch der Interregio gerettet ?

Ein munterer Schlagabtausch beginnt und man merkt, wie gut diese Beiden zusammen harmonieren.

Ande muss immer mal wieder selbst lachen, wenn ihr Lars ansieht.

Bereits nach 10 Minuten haben sie das Publikum voll im Griff.

Zwischen den einzelnen Programmpunkten, werde immer mal wieder kleine Filmchen gezeigt, welche unter anderem als Umziehpausen dienen.

Wie im Fall von Peggy und Sandy, den beiden arbeitslosen jungen Mädchen, die im zarten Teenager Alter bereits Kinder bekommen haben.

Wir sehen extrem ausdrucksstarke Gesichter, die den Brennpunkt Plattenbau besser wiederspiegeln, als es jede RTL Nachmittagssoap könnte.

Ande und Lars spielen nicht Peggy und Sandy – sie sind Peggy und Sandy.

Ab und zu werden sie von ihren eigenen Scherzen mitgerissen.

Die Band Saltatio Mortis, singt auf ihrer neusten CD “ Wo sind die Clowns ? Wo sind die Narren ? “

Ganz einfach – hier sind sie !

Das ist blödeln und Clownerie auf ganz hohem Niveau.

Es ist nicht leicht mich zum lachen zu bringen und fast unmöglich dass ich auf einer Veranstaltung mitsinge. Aber diese Beiden schaffen es.

Dragan und Alda, kommen als nächstes.

Es geht um die Berufsschule und deren Tücken.

Ich stelle erfreut fest, dass sie ADHS, als mangelnde Fähigkeit Aufmerksam zu sein. richtig in ihrem Programm dargestellt haben und nicht wie so oft als Wunsch nach Aufmerksamkeit darstellen, wie es bei Menschen die weniger gut recherchieren vorkommt.

Wenn ich den Beiden so zuhöre, fühle ich mich an Louis de Funes erinnert. Allerdings an eine Version auf Speed.

….und so weiter.

Es treten nun wieder auf : “ Der Weihnachtsmann für Skinheads und Rapunzel “

Tebartz van Elst wird thematisiert und es kommt zu einem heftigen Wortduell bei dem es darum geht, wer von beiden ärmer gewesen ist.

Stichwort “ Da wär ich froh gewesen “ und “ Wir waren so arm “

Zudem bekommen wir einklicke in Larsens Maurerdekoltee.

Es folgen Torben und Malte, die “ No Crasher “ deren Motto ist: Kein Druck !

In einem putzigen Katzenshirt und einem Pferdeshirt, welches jedes kleine Mädchen vor Neid einen Heulkrampf bekommen lassen würde, treten die beiden Frutarier vor das Publikum und erklären wieso Kühe nicht ins Freibad gehen und manche Kölner froh wären, eine Kuh zu sein.

Als der Ponymann seine Gitarre zur Hand nimmt, muss erst einmal nachgestimmt werden, da sie zu laut ist.

Kommentar an die Technik: “ Kein Druck !“

Das Lied “ Nett zu dunkelhäutigen Menschen “ erschallt durch den Raum. Ein Lied zum mitsingen.

Der Saal wird in zwei Hälften geteilt. Die eine soll “ Hey “ singen und die andere “ Denn wir sind nett, zu dunkelhäutigen Menschen „.

Raten sie mal auf welcher Seite ich sitze….richtig…auf der mit viel Text.

Aber ich singe.

Noch nicht einmal Hirschhausen hat mich zum singen gebracht, aber diese zwei Chaoten schaffen es.

Wenn Nagold singt, klingt es so: “ Denn wir sind nett, zu dunkelhäutigen Mädchen “

Ja, der Dialekt hat seine Tücken. Da werden Mänschä schon mal gerne zu Mädschä.

Andre ruft ins Publikum: “ Ihr sollt Menschen singen und nicht Mädchen !“

Beim ersten Mal ist die “ Hey “ Seite lauter als die “ Wir sind nett zu dunkelhäutigen Menschen “ Seite.

Kommentar Ande: “ Ja ja, der braune Sumpf von Nagold.“

Ande gibt dann eine Parodie von  Peter Maffay zum Besten, dass man denken könnte er stünde selbst auf der Bühne. Klasse.

Am Ende greift Lars an der Gitarre die Akkorde, während Ande die Saiten zupft und Lars mit der anderen Hand das Keyboard bedient.

Lars ruft “ Malte…Malte…Malte..“

Andre dreht sich um und sagst: “ Du bist Malte !“

Publikum und Künstler lachen gleichermaßen und jeder hat Spaß. Wunderbar.

Zeit für den Frauenversteher Andi.

Sensibel redet er über ü30 und fette Weiber, von denen er mehrere zu Hause hat und sie uns anhand von Bildern vorstellt, welche ich ihnen jetzt aber nicht zeige.

Dann schon lieber den Andi, bei dem man sofort erkennt, dass er bei der Partnersuche vermutlich “ Kuschelbär “ als Pseudonym angibt und tief in sich auch einer ist…ganz tief…ganz ganz tief.

Bei so viel geballter Männlichkeit, muss nun als Kontrastprogramm natürlich wieder ein zartes Mädchen auftreten.

Besser noch zwei.

Wer wäre dafür besser geeignet als Peggy und Sandy ?!

Ande verschluckt sich während des Programms, hustet und seine Stimme ist ein klein wenig tiefer als sonst.

“ Jetzt hör ich mich nicht mehr an wie Peggy “ sagt er.

Das Publikum ruft: “ Döööööö“

Andre äfft zurück: “ Döööööö“

Im nächsten Teil geht es um Schinken, dicke und dünne Geschlechtsorgane, kleine Kartoffeln von Little (Lidl), einen Kugelfisch, einen Hai der Atmen will und natürlich um die Maus und den Ele…ne moment…falsche Sendung.

Nun ist Zeit zum Schunkeln und Klatschen.

Und der Saal klatscht wie aus einem Guss, bei dem Lied “ Wir werden morgens mit dem Bus geholt „, bei dem es um Inzest geht.

Nagold erhebt sich und singt: “ Inzucht, Inzucht, la la la la la „….

Und nun ? Schluß ? Aus ? Ende ?

Das Publikum ruft “ Zugabe, Zugabe “

Und tatsächlich. Lars und Ande lassen sich erweichen und kommen noch einmal raus.

“ Zugabe…Zugabe…“, sagt Lars, “ Wie ich dieses Wort hasse ! Als Zugabe dürft ihr uns jetzt noch etwas anstarren. Glotzzugabe. Das wollt ihr doch ! Wir bleiben jetzt einfach noch 2-3 Minuten hocken, dann können Sie und noch angaffen.“

Ande: “ Wenn sie dann nachher in Nagold in die Kneipe gehen, können sie erzählen…In Nagold in die Kneipe ? “

Lars: “ Dann können sie sagen – Bei dieser Zugabe ist etwas in mir gestorben ! – Davor war alles toll, aber die Zugabe….“

Ande: “ Alles Wixxer…besonders der mit der Brille.Wixxer“

Lars schaut irritiert zu Ande,

Zu einem Abschlusssong lassen sie sich aber dann doch noch herab.

“ Wir spielen das nur, wenn das Publikum richtig geil war…..heute spielen wir es trotzdem.“

Eine Ode an die Fans.

Eine Kokainstrophe wird gesungen, da Nagold ein sozialer Brennpunkt ist, wie Ande erzählt.

Er zündet ein Feuerzeug an und schwenkt es.

Als er es wieder ausmacht und zurück in die Hose steckt, bekommt er große Augen, hüpft auf und ab und zieht es schnell wieder aus der Hosentasche.

Ja – Feuerzeuge werden heiß beim anmachen.

Dem Publikum gefällt es.

Als zweite Zugabe, stellen die Beiden noch ihre Fanartikel auf der Bühne vor.

Selbstverständlich wieder in Kostümen.

Dieses mal als Teleshoppingmoderatoren.

Sie kündigen an, gleich noch für Autogramme, Fotos und zum Fanartikelverkauf bereit zu stehen.

Dann ist wirklich Schluss.

Im Foyer, erfüllen sie geduldig alle Foto- und Autogrammwünsche der Fans.

Die T-Shirts gehen weg wie warme Semmeln.

Mein Fazit:

Ein toller Abend voller lachen, singen und Blödsinn machen geht zu Ende.

Politisches Kabarett ist wichtig, aber ab und zu muss es auch einfach mal Clownerie und Narretei sein.

Zurücklehnen und lachen, den Kopf abschalten und genießen.

Lars und Ande sind perfekt auf einander abgestimmt, geben sich zuverlässig Vorlagen und man hat den Eindruck, wenn der Eine schwächelt, zieht ihn der Andere sofort mit seinem Humor wieder hoch.

Der Schalk sitzt Beiden im Nacken, wie man auch in meinem Interview sehen kann, wobei Lars da dann doch die treibende Blödelkraft ist.

Das merkt man auf der Bühne deutlich, wenn er Ande mal wieder aus dem Konzept und zum lachen bringt.

Ande scheint immer ein kleines bisschen zu bremsen, damit Lars nicht übers Ziel hinausschießt.

Sie ergänzen sich optimal. Ich denke als Solisten, hätten sie nicht diesem großen Erfolg. Da wäre Ande vermutlich zu zurückhaltend und Lars zu offensiv.

Gemeinsam aber pendeln sie sich genau auf die richtige Mischung ein.

Was mich besonders beeindruckt hat war, dass es in ihrem Programm sehr viele Tretminen-Themen gibt, bei denen man leicht mal die Grenze von lustig zu nicht mehr lustig überschreiten kann, es diese Zwei aber meisterhaft verstehen, diese Grenze nicht zu überschreiten.

Ich glaube an diesem Abend hat sich keine dicke Frau, kein Veganer und kein Vertreter einer sozialen Randgruppe beleidigt gefühlt.

Und das zu schaffen ist für mich, bei der Gagdichte und Themenbreite, eine hohe Kunst

Hoffen wir, dass Sie noch einmal 50 Jahre dranhängen und uns noch lange erhalten bleiben.

Wer einfach locker und entspannt lachen und sich amüsieren möchte, dem kann ich dieses Programm nur ans Herz legen.

Die Tourdaten gibt es natürlich auf ihrer Homepage: http://www.mundstuhl.de/